Wie kann die nächste Generation Europa reindustrialisieren?

Günther Mayr, Chief Technology Officer bei WFL

Ein Interview mit Günther Mayr, Chief Technology Officer bei WFL, über die Zukunft der europäischen Industrie.

Seit Jahren hat die Industrie mit einem Imageproblem zu kämpfen. Viele junge Menschen verbinden sie nach wie vor mit schwierigen Arbeitsbedingungen, veralteten Arbeitsumgebungen und monotonen Tätigkeiten. Doch wer heute eine moderne Produktionsstätte betritt, entdeckt schnell eine ganz andere Realität.

Automatisierung, intelligente Software, Simulation, Robotik und Prozessüberwachung haben die Fertigungshalle grundlegend verändert. Die europäische Fertigung war noch nie so fortschrittlich wie heute. Doch laut Günther Mayr, Chief Technology Officer bei WFL, ist die Technologie an sich nicht das Hauptthema.

Nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit Herstellern auf der ganzen Welt ist er überzeugt, dass die Zukunft der europäischen Produktion vor allem von einem oft übersehenen Faktor abhängen wird: den Menschen, die diese Fabriken morgen bedienen werden.

In einer Zeit, in der Europa bestrebt ist, seine industrielle Souveränität zu stärken, ist die Gewinnung einer neuen Generation von Talenten ebenso wichtig geworden wie die Entwicklung der Technologien, die die Fabriken der Zukunft antreiben werden.

Die größte Herausforderung der Branche ist nicht technologischer Natur

Wenn es um die Zukunft der Fertigung geht, drehen sich die Gespräche fast immer um künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung. Diese Themen sind zwar wichtig, doch Günther Mayr ist der Ansicht, dass sie nicht die dringlichste Herausforderung der Branche darstellen.

Die eigentliche Herausforderung ist menschlicher Natur.

In ganz Europa steht eine ganze Generation von Fertigungsspezialisten kurz vor dem Ruhestand. Männer und Frauen, die dreißig oder vierzig Jahre damit verbracht haben, ihr Fachwissen zu verfeinern, komplexe Produktionsherausforderungen zu lösen und ein außergewöhnliches Verständnis für Fertigungsprozesse aufzubauen.

Die Gefahr besteht nicht nur im Verlust von Fachkenntnissen. Es ist der schrittweise Verlust eines wesentlichen Teils der europäischen Industriekultur.

Gleichzeitig haben Unternehmen Schwierigkeiten, genügend junge Menschen für die Nachfolge zu gewinnen. Dies stellt die Hersteller vor eine neue Herausforderung: Wie können sie die Produktion weiter steigern, wenn weniger erfahrene Fachkräfte zur Verfügung stehen?

Für Günther Mayr spielt Technologie eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung dieses Problems. Nicht, indem sie Menschen ersetzt, sondern indem sie Wissen bewahrt, den Transfer von Fachwissen erleichtert und die Abhängigkeit der Produktionsprozesse von individueller Erfahrung verringert.

Arbeitsplätze schaffen, die die Generation Z anziehen

Entgegen der landläufigen Meinung wendet sich die jüngere Generation nicht von der Industrie ab. Sie sucht nach Arbeitsplätzen, die modern, attraktiv und technologieorientiert sind. Für die Generation Z spielt die Qualität des Arbeitsumfelds eine entscheidende Rolle bei der Wahl eines Arbeitgebers. Da sie in einer digitalen Welt aufgewachsen ist, erwartet sie intuitive Technologien, mehr Eigenverantwortung und Arbeit, die greifbare Ergebnisse liefert. Die moderne Fertigung bietet bereits viele dieser Vorteile – sie muss sie nur effektiver kommunizieren.

Die heutigen Produktionsanlagen haben kaum noch Ähnlichkeit mit denen von vor dreißig Jahren. Die Mitarbeiter arbeiten mit hochmodernen Anlagen, überwachen automatisierte Systeme und treffen Entscheidungen auf der Grundlage von Produktionsdaten in Echtzeit.

Gleichzeitig verändert der Aufstieg der künstlichen Intelligenz die Beschäftigungslandschaft. Während viele Bürojobs um ihre Zukunft bangen, gewinnen technische und produktionsbezogene Berufe wieder an Attraktivität.

Das Schaffen, Bauen, Produzieren und Lösen realer Probleme bleiben in einer zunehmend digitalen Gesellschaft äußerst wertvolle Tätigkeiten.

Für Günther Mayr stellt dieser Wandel eine große Chance für die europäische Industrie dar. Junge Menschen suchen nach greifbaren Ergebnissen. Sie wollen die direkten Auswirkungen ihrer Arbeit sehen. Die Herstellung eines Bauteils für ein Flugzeug, ein Stromerzeugungssystem oder eine fortschrittliche Automobilanwendung bietet ein Maß an Zufriedenheit, das nur wenige Berufe bieten können.

Der Bediener von heute führt nicht mehr einfach nur Aufgaben aus. Er wird zunehmend zum Produktionspiloten, der in der Lage ist, hochmoderne Technologien zu steuern und zu optimieren.

Den Prozess beherrschen: Der Schlüssel zur Reindustrialisierung Europas

Jüngste Krisen, geopolitische Spannungen und wachsende Sorgen um die Souveränität haben die Industrie wieder in den Mittelpunkt der strategischen Prioritäten Europas gerückt. Das Bestreben, die Produktionskapazitäten auf dem gesamten Kontinent zu steigern, ist real. Diese neue Welle der Reindustrialisierung kann sich jedoch nicht auf die Modelle der Vergangenheit stützen.

Europa wird im globalen Wettbewerb niemals allein aufgrund der Arbeitskosten bestehen können. Was es jedoch besitzt, ist ein enormer Vorteil: technisches Know-how.

 

Laut Günther Mayr wird die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas von seiner Fähigkeit abhängen, Fertigungsprozesse zu beherrschen.

Eine Aussage taucht in seinen Diskussionen immer wieder auf:

„Die Frage ist nicht, wie viele Maschinen eine Werkstatt besitzt. Die Frage ist, wie viel echte Produktionskapazität sie bereitstellen kann. Heute muss man nicht der Billigste sein. Man wird zum Champion, indem man höchste Qualität in kleinen Losgrößen produziert – und das mit der kürzesten Vorlaufzeit vom Auftragseingang bis zur Auslieferung des fertigen Teils an den Kunden.“

Diese Philosophie leitet WFL seit mehr als vier Jahrzehnten durch sein Konzept „Clamp Once – Machine Complete“.

Das Prinzip ist einfach: So viele Bearbeitungsschritte wie möglich auf einer einzigen Maschine und in einer einzigen Aufspannung durchführen. Weniger Handhabungsschritte. Weniger Transfers. Weniger Risiken. In Branchen, in denen selbst ein kleiner Fehler erhebliche Folgen haben kann, verbessert dieser Ansatz gleichzeitig Produktivität, Präzision und Zuverlässigkeit.

Heute ist der wahre Marktführer nicht das Unternehmen, das sich auf eine einzige Branche konzentriert, sondern dasjenige, das flexibel genug ist, sich an veränderte Märkte anzupassen. Die Fähigkeit, von den Bereichen Automobil, Luft- und Raumfahrt oder Öl und Gas auf Verteidigung, Energie oder Raumfahrt umzuschwenken, ist zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden.

Echte Fertigungsleistung lässt sich nicht allein an der Taktzeit messen. Sie misst sich an der Fähigkeit, das richtige Teil auf Anhieb zu produzieren und dieses Ergebnis dann Tag für Tag konsistent zu wiederholen.

Automatisierung: Der neue Motor der industriellen Wettbewerbsfähigkeit

Für Günther Mayr ist Automatisierung längst nicht mehr in erster Linie ein Innovationsthema. Sie ist zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit geworden. Der Fachkräftemangel, steigende Produktionsanforderungen und wachsender Lieferdruck zwingen Hersteller dazu, ihre Produktionsmodelle zu überdenken.

In diesem Umfeld ermöglicht die Automatisierung es Unternehmen, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen, die Maschinenauslastung zu maximieren und Fertigungsprozesse zu sichern. Dabei geht es jedoch nicht darum, Menschen durch Maschinen zu ersetzen.

 

Das Ziel ist es, den Bedienern zu ermöglichen, sich auf Tätigkeiten zu konzentrieren, die echten Mehrwert schaffen: Analyse, Entscheidungsfindung und kontinuierliche Verbesserung.

 

Routineaufgaben können Systemen anvertraut werden, die diese mit außergewöhnlicher Konsistenz und Zuverlässigkeit ausführen können. Das Ergebnis ist nicht nur eine höhere Produktivität, sondern auch verbesserte Arbeitsbedingungen und attraktivere Karrieren in der Industrie.

Die Industrie von morgen wird heute aufgebaut

Im Verlauf der Diskussion kristallisiert sich eine Überzeugung deutlich heraus.

Die Zukunft der europäischen Industrie wird nicht allein von den Technologien abhängen, die sie entwickelt. Sie wird von ihrer Fähigkeit abhängen, Wissen weiterzugeben und eine neue Generation von Talenten anzuziehen.

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung werden die Fertigung zweifellos verändern. Doch diese Technologien schaffen nur dann Mehrwert, wenn sie es den Menschen ermöglichen, besser, schneller und kontrollierter zu produzieren.

Diese Vision leitet WFL seit Jahrzehnten. Lange bevor „Industrie 4.0“ und „Smart Factories“ zu Schlagworten der Branche wurden, vertrat das Unternehmen bereits eine einfache Idee: Industrielle Leistungsfähigkeit wird nicht durch die Vervielfachung von Anlagen erreicht, sondern durch die Vereinfachung von Prozessen, die Reduzierung von Risiken und die Ausschöpfung des vollen Potenzials der Produktionskapazitäten.

Für Günther Mayr erfordert die Reindustrialisierung Europas eine Partnerschaft zwischen der Erfahrung früherer Generationen und der Energie derjenigen, die jetzt ins Berufsleben eintreten. Das nächste Kapitel der europäischen Industrie wird nicht allein von der Technologie geschrieben, sondern von den Menschen, die sich dafür entscheiden, etwas aufzubauen, innovativ zu sein und eine Führungsrolle zu übernehmen. Unsere Herausforderung besteht darin, die nächste Generation zu inspirieren, diese Verantwortung zu übernehmen.

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